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Viele Menschen klagen heute oft über ungerechte und unzureichende
gesellschaftliche Mechanismen und Zustände, die den Menschen selbst
nicht mehr gerecht werden. Diese Unzufriedenheit zeigt sich in einem
zunehmenden Vertrauensverlust der regierenden Politik und der
Hinwendung zu rückwärtsgewandten Ideologien, die einfache Lösungen
anzubieten scheinen. Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen
verläuft jedoch im Sande, wenn keine Alternative vorhanden ist, die
erstrebenswert erscheint und auch gedacht werden kann. Eine solche
Alternative für ein menschliches Zusammenleben in der Zukunft stellt
die Idee der Freien Kooperation dar. Diese Idee basiert auf dem Glauben
an die Fähigkeit zur Selbstorganisation der Menschen durch vielfältige
Formen direkter und freiwilliger Kooperation. Freie Kooperation findet
sich in allen Zeitaltern der Menschheit, die Menschen haben jedoch
aufgehört an diese Möglichkeit und sich selbst zu glauben und zu
vertrauen. In neuerer Zeit entstehen jedoch wieder Kooperationen, die
sich dieser Chancen bewußt werden oder sind. Das Seminar zeigt
Ansatzpunkte, wie bereits im Hier und Jetzt an einer alternativen
Ordnung gearbeitet werden kann und welche Möglichkeiten schon heute
bestehen reale Lebensbereiche kooperativ zu organisieren.
Besonders in Mecklenburg-Vorpommern mit den höchsten
Arbeitslosenraten der BRD scheint die Hoffnung auf Perspektiven
innerhalb des herrschenden Systems mehr und mehr zu schwinden. Viele
Menschen flüchten sich entweder in die Hilflosigkeit, die sie mit
Alkohol zu verdrängen suchen, oder sympathisieren mit
rechtsextremistischen Kreisen, in denen sie auf Resonanz für ihre
Probleme treffen. Glaubhafte Zukunftsperspektiven werden derzeit weder von der Politik
oder den Medien noch aus der Gesellschaft selbst entwickelt und
verbreitet. Trotzdem bestehen sie: Visionen für neue Formen des
Zusammenlebens und der Zusammenarbeit. Eine weitreichende Idee, die
nicht nur einen Traum für eine ferne Zukunft darstellt, sondern
Handlungsmöglichkeiten im Hier und Jetzt bietet.
Freie Kooperation heißt erst einmal, daß sich Menschen aus ihrer
freien Entscheidung zur Verfolgung eines bestimmten Zwecks zusammentun,
den sie allein nur schwerer oder überhaupt nicht erreichen können. Die Idee der Freien Kooperation lädt dazu ein, den kooperativen Umgang
zwischen Menschen auf das Erwerbsleben bzw. die Bereiche des Lebens,
die der Lebenserhaltung dienen, anzuwenden. Die Überlegenheit der
Kooperation für alle Beteiligten im Vergleich zur Konkurrenz hat nicht
nur die Spieltheorie sondern auch die Sozialpsychologie eindrucksvoll
belegt. Der entscheidende Vorteil, der auch den visionären Charakter
dieser Idee ausmacht, ist, daß es zur Kooperation Menschen bedarf, die
aktiv sind, aber nicht zwangsläufig Geld. Die Menschen können also auch
ohne den Austausch von Geld zum gegenseitigen Vorteil kooperieren.
Bereits bestehende Beispiele für derartige Kooperationen sind zum
Beispiel Fahrgemeinschaften oder auch Nutzergemeinschaften. Bei
letzteren werden zum Beispiel auch Autos mit mehreren Leuten geteilt,
es braucht also nicht jeder Mensch ein eigenes Auto. Weitergehend
konzipiert sind Tauschringe. Vollkommen ohne eigen Gegenwert in der
offiziellen Währung werden dort Dinge und Dienstleistungen auf der
Basis freier Verhandlung miteinander getauscht. Die gesellschaftliche
Stellung oder das Bankguthaben spielen dabei für die Rolle in dieser
Struktur keine Rolle. Weitere Beispiele für freie Kooperationen mit
lebenserhaltenden Funktionen können Einkaufskooperativen,
Hofgemeinschaften, Alten-Wohngemeinschaften, Umsonstläden,
selbstorganisierte Koch- und Eßgemeinschaften, Selbsthilfewerkstätten
und -gruppen oder Bürgergärten sein. Es existieren also schon einige
Ansätze, die sich langsam verbreitern und gut funktionieren.
Insbesondere in strukturschwachen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern
könnte gerade diese Form des Aufbaus kooperativer Strukturen den
Menschen eine Perspektive bieten, die sie aus sich selbst heraus
umsetzen können, statt frustriert auf den allheilbringenden Investor
oder den großen Wirtschaftsaufschwung zu warten. Ein Faktor, der es
erschwert, diese Formen der Kooperation aufzunehmen und auf sie zu
vertrauen sind große Lerndefizite im Umgang mit zwischenmenschlichen
Beziehungen und besonders mit Gruppen und Gruppenprozessen. Die meisten
Menschen haben nicht viel Erfahrung in konstruktiver Gruppenarbeit.
Besonders beim Auftreten unvermeidlicher Krisen zeigt sich diese
mangelnde Erfahrung und die Gruppe gerät in die Gefahr einer Auflösung,
Spaltung oder eines Rufes nach autoritärer Leitung. Entwicklungschancen
von Gruppen und die Möglichkeit aus Krisen gestärkt hervorzugehen
werden dabei oft zum Leidwesen aller Beteiligten verschenkt.
Eine Entwicklung und Veränderung der Gesellschaft zum Nutzen aller
gibt es eben nicht geschenkt, sondern muß von allen Beteiligten und
Willigen erarbeitet werden. Dieser Prozeß soll mit den Veranstaltungen
zur Freien Kooperation unterstützt und gefördert werden. |