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Erfahrungsbericht Studienreise Auschwitz
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Erfahrungsbericht von der Studienreise nach Auschwitz und Krakow
vom 08.05. bis 15.05.2008

von Christine D.

Vier junge Leute vom Verein „Soziale Bildung“ stellen sich als unsere Begleiter für die kommende Reise nach Kraków und Oświęcim (Auschwitz) vor. Nicht ganz alle Teilnehmer, später sollen es 30 werden, sitzen zwischen Keksen, Obst und Getränken und teilen ihre Erwartungen an sich, die Gruppe und die vor uns liegenden Erlebnisse mit. Kathleen, Magda, Martin und Roman machen einen angenehm lockeren Eindruck auf uns, vermitteln uns schon erstes Hintergrundwissen und geben eine Aussicht auf die Gestaltung der gemeinsamen Tage. Der späte Nachmittag endet mit einem eindrucksvollen Film, der die hinterbliebenen Familienmitglieder eines hohen Nazifunktionärs portraitierte, welche teilweise traumatisiert vom Geschehen, gewisse Teile ihres Lebens einfach verdrängen bzw. schön reden. So liegt es nun auch an uns herauszufinden, ob die berüchtigte „Auschwitz-Lüge“ gerechtfertigt ist.

Am Bahnhof erscheinen nun nacheinander die angekündigten 30 Leute. Das Wetter bringt gute Laune in die Runde und der überfüllte Zug lädt zu ausgelassenen Gesprächen ein. Nach einem Umstieg in Güstrow fahren wir durch bis Stettin – die ersten Polnisch-Vokabeln werden gelernt. „Ja nie mowie po polskuerscheint uns dabei der wichtigste Satz. In Szczecin (Stettin) haben wir zwei Stunden Aufenthalt und schauen uns in den entlegenen Winkeln der Stadt ein wenig um und bemerken schon bald den Zerfall und eine gewisse Ostalgie kommt auf. Straßenbahnen und Häuserfassaden erinnern an vergangene Zeiten. Trotzdem sind die menschengefüllten Gassen mit ihren reich verzierten Türen und schmuckvollen Accessoires an den Häuserwänden ein Genuss.

Gespannt erwarten wir den Zug mit den Schlafwagons. Sobi e.V. spendiert Essen und Getränke. In den 6-er-Abteilen finden wir alle einen Platz und fahren nun gesättigt in die Nacht hinein. - Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, da erreichen wir unseren Zielbahnhof Kraków. Der Fußweg zum Hostel gewährt uns schon einen Einblick in die Lebendigkeit der Stadt, sowie einen Eindruck von den imponierenden Gebäuden und Kirchen. Nach der Möglichkeit zu duschen und sich einzurichten, beginnen wir mit einem Kennlernspiel im Freien, bevor wir uns das ehemalige Konzentrationslager Płaszów, die ehemalige Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler und das frühere Ghetto Podgórze ansehen. Es fällt schwer einen klaren Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn nichts ist vergleichbar mit den Schwarz/Weiß-Bildern, die man so kennt. Keine Juden, mit Bart und Peies (hebräisch: Peot – Schläfenlocken) weit und breit, keine ausgemergelten Leiber mit zerfetzter Kleidung, keine zusammengepferchten Menschenmassen, keine Baracken, Häftlinge, geschrieene Befehle und kläffenden Hunde. Lediglich ein paar Gebäude, Schriftzüge und etwas Stacheldraht erinnern an eine gefürchtete Zeit. Ansonsten befinden sich jede Menge Sonnenbrillenverkaufsstände, bunte Kioske, große Bürogebäude und wohlgenährte, lachende Menschen in der Stadt, in der einst das Grauen herrschte. Der Abend klingt wie jeder folgende methodisch, reflektiv aus und dann widmet sich jeder seiner Herangehensweise an den kommenden Tag, an dem das Stammlager Auschwitz besichtigt werden soll. Ich nehme mir ein Buch vor mit Erfahrungsberichten von Überlebenden dieser Zeit und versinke.

Ein kleiner Zug rollt Richtung Oświęcim und mir wird klar, dass es ein Ort ist und nicht ausschließlich das Gelände eines Vernichtungslagers. Ich sehe aus dem Fenster und frage mich, ob das das Bild ist, das die Menschen aus ihrem Transportwagon gesehen haben vor so vielen Jahren. Ob sie wohl wussten, wo sie waren? Die Landschaft ist schön, genauso wie das Wetter und auch die Stimmung in der Gruppe war noch recht gelöst, wenn auch erwartungsvoll. Der Weg vom Bahnhof zum Lager bedeutete wieder einen kleinen Fußmarsch. Hinter einer langen Mauer endlich taucht die Gedenkstätte Auschwitz auf und mich trifft der Schlag. Vor dem Eingang erstreckt sich ein riesiger Parkplatz mit Reisebussen und Pkw’s und es dauert nicht lang, da finde ich mich in meiner Gruppe, ausgestattet mit Kopfhörern und einer qualifizierten Fachkraft für Gedenkstättenführungen zwischen anderen Gruppen, in anderen Sprachen wider. Und plötzlich geht alles ganz schnell. Ich stehe vor dem Tor mit der allen bekannten Aufschrift „Arbeit macht frei“. Ich kann nicht hören, was uns die monotone Stimme der Vortragenden berichtet, ich starre nur auf dieses Eingangsportal und ehe es für mich greifbar wird, sind wir schon hindurch. Hier ein Bild, da eine Baracke, dort der Stacheldraht, Kleidung, Töpfe, Schuhe…Haare! Haare! Hier hört’s auf! Das haben die doch nur inszeniert, um uns zu schocken, denke ich verwirrt. Ich kann diese unglaubliche Masse keinen Köpfen zuordnen. Das ist doch Schafwolle!!! Aber dazwischen liegt ein geflochtener Zopf. Wem gehört der? Ist das wirklich echt? Durch die Kopfhörer klingt die Stimme unserer Führung, die sich bereits einer weiteren Sache widmet. Ich will nichts verpassen, laufe hinterher … Haare … so viele … ich begreife nichts! Alles hat eine Geschichte. Personen auf Bildern: Helden, Verräter, Kinder, Familien. Der Galgen, die Wand, an der Erschießungen vorgenommen wurden, die Keller, in denen Menschen verhungert sind. Ich quetsche mich durch die Touristengruppen. Wie an der Kasse in einem Billiggroßmarkt stehen wir Schlange, um in Räume zu gelangen, in denen Häftlinge einst ihre Strafe absitzen mussten. Ich fühle nichts. Das einzige, was ich fühle ist, dass ich raus will. Weg von den Menschen, die mir gierig erscheinen, alles in sich aufzusaugen, mit ihrer dicken Kamera festzuhalten und bei Langeweile noch eben ihren Namen in die Wand ritzen: Ich war hier – Thomas – 10.05.2008! Die Führung ist zu Ende und ich bin froh, dass ich den Kopfhörer wieder abgeben kann, der mich automatisch in die Rolle eines Touristen gesteckt hat, statt in die eines sich erinnernden Beobachters. Auschwitz, der Ort, der gestern in meinem Buch noch ein Konzentrationslager war, ist heute eine entweihte Touristenhochburg. Ich hatte mit einer andächtigen Stille gerechnet. Ich habe mich geirrt.

Heute steht Birkenau auf dem Plan. Meine Erwartungen habe ich geschmälert und widerwillig erwarte ich den üblichen Touristenstrom. Ich denke da an die beiden Glatzköpfe, die ich gestern vor dem STOP-Schild am Stacheldrahtzaun für Fotos posieren gesehen hab. Oder die asiatischen Mädchen, die sich grinsend in die Baracken stellen und Zeige- sowie Mittelfinger zum Victory- (oder Peace-) Zeichen Richtung Kamera erheben. Ich denke an die ganzen eingeritzten Namen und Smileys und Hakenkreuze. Auch nach Birkenau führt ein langer Weg und plötzlich erstreckt sich das Schienennetz vor mir, das im steinernen Torbogen von Birkenau mündet. Wieder fühle ich nichts. Ich bin erschrocken, denn ich weiß nicht, ob ich verdränge oder ob tatsächlich nichts bei mir ankommt. Ich fühle mich wie Stein und dadurch irgendwie sicher. Diesmal ist das Gebiet weitläufiger. Die Gruppen verteilen sich besser und trotzdem jagt uns die Führung durch das Gelände, als müsse sie einen strikten Zeitplan einhalten. Allmählich löst sich die Gruppe auf. Viele kommen nicht hinterher. Einige wollen verweilen. Meine Füße schmerzen wie verrückt. Sie sind das viele Laufen und Stehen in diesen Schuhen nicht gewöhnt. Ich denke an die Häftlinge. Ihnen taten nicht nur die Füße weh, sondern der ganze Körper – innen und außen. Sie konnten sich ihre Schuhe nicht aussuchen, nicht ihre Kleidung, ihren Gesundheitszustand oder überhaupt irgendeinen (Lebens-)Umstand. Obwohl ich beeindruckt bin, wie viele Flucht- und Widerstandsversuche geglückt sind. Die Sonne knallt auf uns herunter und die Vögel singen. Ich halte inne. Beobachte die Ameisen, die ungefähr die Anzahl der hier ermordeten Menschen wiedergeben könnten, kann es aber nicht fassen. Sie sind zu klein meine Phantasie reicht nicht aus. Ich schließe die Augen - ein warmer Wind umströmt meine Nase, Frösche quaken und ich fühle nichts als Frieden. Ich lächle bei dem Gedanken, dass Frieden hier eingekehrt ist. Hier, gleich neben den gesprengten Krematorien. Ab und zu, vor allem in den Baracken, liegt ein muffiger Duft in der Luft. „Und hier drin waren die Kinder“. Von wohnen kann man kaum sprechen. Jetzt muss ich tatsächlich kurz mit meinen Tränen kämpfen, doch der lethargische, starre Blick kehrt schnell zurück. Ich weiß nicht, ob ich es Schock nennen kann. Ich fühle wieder nichts. Nichts. Unbegreiflich ist das einzige Wort, das ich finde. Die Idylle liegt wie ein Schleier auf den einst dröhnenden Geräuschen der Schornsteine, über dem Summen der Zäune, dem Jammern der Lagerinsassen, dem Gestank der Latrinen, dem Klagen der Frauen und Kinder, dem Schreien der medizinischen Versuchsopfer und den Ärzten, die Selektionen vornahmen. Man hört kein Klappern von Schaufeln für den Arbeitseinsatz oder das monotone Schlurfen von Schuhen der müden Arbeiter oder die Wagen mit Töpfen, in den Essen war, dass ansteckende Krankheiten verbreitete, bzw. Wagen, auf denen Leichen der Menschen aufgestapelt waren, die während des Lageralltags zu Tode kamen. Man hört nicht einen Schuss, nicht einen Befehl, nicht einen Hund bellen. Vielleicht mal einen Zug aus der Ferne. Am Abend reflektieren wir den Tag. Doch keinem gelingt es, das Gesehene in entsprechende Worte zu fassen. Jeder versucht das, was er weiß, gehört oder gelesen hat mit dem zu verbinden, was er gesehen hat.

Tränen fließen über meine Wangen. Endlich. Ich lasse mich ein wenig zurückfallen, damit die Gruppe, die zielgerichtet (in Erwartung des Zeitzeugengesprächs) auf das Stammlager zusteuert, mein hin und wieder lautes Schluchzen nicht hört. Ich will alleine sein, am liebsten nicht weitergehen, denn jetzt erfasst mich die Trauer mit voller Wucht, so dass ich mich verkriechen möchte. Und gleichzeitig gehalten werden von einem Menschen, der in der Lage ist Wärme zu geben. Denn plötzlich fühlt sich alles ganz kalt an. Die Vergangenheit, die Mauer am steinigen Weg zum Lager, der Umgang der Menschen, wenn sie mit dem „Museum“ und den darin ausgestellten Stücken konfrontiert werden. Haare…! Ich denke an meine Familie und bin so glücklich, dass ich sie um mich weiß. Eine Welle der Dankbarkeit ergreift mich und ich bekomme die Tränen in Griff. Contenance! Und weiter geht’s im Programm. Erst noch eine Powerpointpräsentation über Schicksale im Lager und dann endlich: das Treffen mit einem Zeitzeugen. Sicher hatte ich keinen Mann erwartet, der ausgemergelt im gestreiften Anzug, die Ärmel hochgekrempelt – einen Blick auf seine eintätowierte Nummer freigebend – dasitzt und heulend aus einer schrecklichen Zeit berichtet. Aber das da jemand sitzt, der unter einem von vielen alten Männern nicht weiter auffallen würde, erst recht nicht, wenn er munter losplaudert in seiner ironischen Art, verwirrte mich. Wieder konnte ich nicht glauben, dass dieser gewöhnliche Mann genau in diesem Lager hier das erlebt hat, was er uns gerade erzählt. Allerdings hat mein Opa mit 16 Jahren den Kopf seines Kameraden gesucht, der ihm gerade weggeschossen wurde. Die ganze Kompanie hat geheult, bevor sie den Rest vergraben haben. Wieviel Blut und Mord hat er gesehen in seiner Kindheit und wie beeinflusst es meinen Umgang mit ihm? Für mich ist er immer der Opa, mit seinen Liedern und seiner Geschicklichkeit, seiner Sammelleidenschaft für Zeug, aus dem er dann irgendwann etwas bastelt und seiner Sparsamkeit. Für mich ist der Zeitzeuge einfach nur ein alter Mann mit Humor und leuchtenden Augen. Wieder fällt es mir schwer, mich ins Geschehene hineinzudenken. Abschließend sehen wir noch eine Ausstellung zur „Kunst in Auschwitz“ und erstmalig kehrt ein Glücksgefühl bei mir ein. Ich fühle wieder. Wahrscheinlich fühle ich die ganze Zeit. Schließlich war bis eben dieses beklemmende und bedrückende Gefühl da. Aber als mir klar wird, dass so etwas Wunderbares wie Kunst durch einen so furchtbaren Ort wie Auschwitz nicht zerstört werden kann, regt sich in mir Hoffnung. Die Hoffnung, dass uns neben all den grausamen Seiten in uns Menschen, auch die schönen Seiten bis in den Tod begleiten. Kunst, Lieder, Liebe, Hilfsbereitschaft… und zu guter Letzt, die Hoffnung selbst.

Der letzte Tag in Oświęcim findet in einer kleineren Gruppe statt. Einige brauchen Abstand zu den vielen Inputs und bleiben in Kraków, ich informiere mich heute über das Arbeits- und Konzentrationslager Monowice (Monowitz/ Auschwitz III). Dazu haben unsere „Sobi-Leute“ etwas vorbereitet. Anschließend folgt eine auf’s jüdische Leben bezogene Stadtführung, bei der sich herausstellt, dass Oświęcim früher ein so genanntes „jüdisches Mekka“ gewesen ist. Den Abend verbringen wir alle gemeinsam in einem Restaurant mit traditionell jüdischer Küche. Einige kosten Piroggen, andere nehmen Pommes. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns bei der Organisationsgruppe Kathleen, Magda, Martin und Roman mit einer von uns allen unterschriebenen Karte zu bedanken. Ihr Aufwand war wirklich enorm und ich bin sehr begeistert, wie sie alles in einer 30-Leute-starken Gruppe umsetzen konnten.

In Kraków laufen wir am letzten Tag wieder alle gemeinsam noch ein paar Stationen ab, die an das jüdische Leben erinnern. Darunter Synagogen, Friedhöfe und das jüdische Viertel Krakóws - Kazimierz -. Der Rest der Zeit, vor der Abfahrt, nutzt jeder für sich. Kleinere Gruppen sammeln sich zum Kaffee trinken, durch die Geschäfte bummeln oder Fotos machen. Das Wetter ist immer noch hervorragend und lädt zum Sonnen(baden) ein. Auf der Rückfahrt wird ein Nachbereitungstreffen angesprochen. Wir sind einverstanden.

Ich bin gespannt, ob andere aus der Gruppe etwas fühlen können. Jetzt. Hinterher. Oder hört man einfach auf zu fühlen, weil es einen sonst überwältigt? Weil man vielleicht erschrocken ist über die Grausamkeit, zu der ein Mensch fähig ist, zu der ich fähig bin? Zu der ich fähig bin, wenn ich nicht mehr fühle.

Es ist einfacher zu sagen Auschwitz ist eine Lüge. Es ist einfacher vor einem Berg Haaren zu stehen und zu sagen: das ist doch nur inszeniert! Es ist einfacher wegzusehen und zu glauben, es wird schon alles gut.

Aber ich bin da gewesen. Ich habe es gesehen. Und ich fühle wieder. Ich fühle, dass es echt ist. Dass immer noch alles da ist: Angst, Hass, Verleumdung, verschobene Wahrnehmungen, Hetze, Verrat. Ich fühle meine Verantwortung, nicht nur zu erinnern, sondern das am Leben zu erhalten, was auch immer noch da ist: Menschlichkeit, Wärme, Liebe, Vertrauen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, … und Hoffnung.

 

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