"Die Liebe der Jeanne Ney"
Stummfilm von Georg Wilhelm Pabst (1927)
Open-Air-Filmvorführung im Garten des Peter-Weiss-Hauses
Regelmäßig sollen dienstags im Freigarten des ehemaligen HDF Filme gezeigt werden. Wir starten mit einem Liebes-und Revolutionsdrama in der freien Verfilmung von Pabst nach dem gleichnamigen Roman vom Ilja Ehrenburg.
Der Stummfilm >>Die Liebe der Jeanne Ney<< (Ufa 1927) hat zum Thema, wie sich eine junge Französin in einen Bolschewiken verliebt: eine filmische Mischung aus Revolution, Krimi und Kolportage. Und viel Liebe! Belegt ist der Fall einer jungen Sowjetbürgerin, die nach der Lektüre das geliehene Buch ins Wasser warf. Zur Verantwortung gezogen, erklärte sie, sie habe es nicht ertragen, dass der Genosse Ehrenburg einer so schönen Geschichte ein so schreckliches Ende gegeben habe. G.W. Pabst folgte allerdings den Gesetzen der >>Traumfabrik<< (übrigens auch ein Ausdruck, der Ehrenburg zugeschrieben wird) und ließ den Film gut ausgehen. In den Hauptrollen spielen Fritz Rasp als der Bösewicht Chalybjew (mit ihm freundete sich Ehrenburg während der Dreharbeiten besonders an) und der Shooting Star des Jahres (gleichzeitig in >>Metropolis<<), die damals zwanzigjährige Brigitte Helm, als Blinde.
"In extremen Kameraeinstellungen spürt man den Einfluss der Russenfilme. In seiner suggestiven Bildsprache, die Düsternis, Fenster, Spiegel, Wasserpfützen ausführlich nutzt, entwickelt er [Pabst] Elemente des Expressionismus weiter. In seiner Haltung bleibt der Film im Ufa-Programm ein Außenseiter, in seinem Inszenierungsstil setzt Pabst die besten Traditionen seiner prallen, drastischen Wirklichkeit fort, wenngleich er auch seinen Hang zur Melodramatik nicht verleugnen kann."
Christiane Mückenberger: Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, Henschel Verlag
"Dass ein Regisseur wie G. W. Pabst 1927 einen Stoff wie DIE LIEBE DER JEANNE NEY realisierte, erscheint schon auf den ersten Blick nur konsequent; daß ein nationalistisch orientierter Konzern wie Hugenbergs Ufa von diesem kritischen Linken den revolutionsfreundlichen Roman eines kommunistischen Autoren verfilmen läßt, kann man erst nach näherem Hinsehen kapieren. 1926 wurde in Berlin das deutsch-sowjetische Neutralitätsabkommen unterzeichnet. Die Frivolität, eine positive Bolschewisten-Story zu drehen, gehörte in den Kontext der wohlverstandenen Realpolitik. Kleinliche ideologische Bedenken mußten zurücktreten vor dem kommerziellen Drang, einen Kino-Welthit zu landen mit einem Stoff vom Geist des PANZERKREUZER POTEMKIN, aber in einer Fassonierung wie für Hollywood, fast so etwas wie ein DR. SCHIWAGO."
Ilona Brennicke / Joe Hembus: Klassiker des deutschen Stummfilms, Verlag Goldmann